Bewegung
Sitzen ist das neue Rauchen — stimmt das überhaupt?
26. August 2026 · 5 Min. Lesezeit
Es gibt Slogans, die sind so gut, dass ihnen die Wahrheit nicht mehr hinterherkommt. „Sitzen ist das neue Rauchen" gehört dazu: eingängig, alarmierend, perfekt für Vorträge mit Stockfoto-Folien. Nur stimmt er eben nicht. Rauchen ist eines der schädlichsten Dinge, die man seinem Körper regelmäßig antun kann — Sitzen ist ein Möbelkontakt. Wer beides gleichsetzt, verharmlost das eine und dramatisiert das andere.
Trotzdem steckt im Slogan ein wahrer Kern, und der verdient eine ehrlichere Formulierung: Der menschliche Körper ist für Wechsel gebaut, und viele Stunden ununterbrochenen Sitzens sind ein Zustand, den er schlecht verwaltet. Kreislauf und Stoffwechsel fahren herunter, die Muskulatur meldet sich ab, der Rücken übernimmt Aufgaben, für die er nie eingestellt wurde.
Die gute Nachricht steht im Kleingedruckten
In den Untersuchungen zu diesem Thema versteckt sich eine sehr tröstliche Erkenntnis: Wer sich regelmäßig bewegt, gleicht einen erheblichen Teil der Sitz-Risiken wieder aus. Der Sitz-Tag ist also kein Schicksal, das nur ein neuer Beruf ändern könnte — er ist ein Konto, auf das man einzahlen kann. Die Abendrunde, der Fußweg, das Wochenende draußen: alles Einzahlungen.
Warum der Stehschreibtisch nicht die Lösung ist
Die Möbelindustrie hat auf den Slogan übrigens schneller reagiert als die Wissenschaft: Der höhenverstellbare Schreibtisch wurde zum Absolutionsmöbel. Nur — acht Stunden Stehen sind auch keine Bewegung, sie sind nur eine andere Form von Stillstand, und die Beine finden sie auf Dauer sogar unangenehmer. Wer den ganzen Tag am Empfang oder am Behandlungsstuhl steht, weiß das längst und hätte es der Büro-Welt gern früher gesagt.
Der eigentliche Gewinn des verstellbaren Tisches ist der Wechsel selbst: sitzen, stehen, sitzen. Nicht die Position ist gesund, sondern der Positionswechsel.
Die Unterbrechung ist die Maßnahme
Damit ist die praktische Antwort erfreulich klein: Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten oder anders zu sitzen, sondern darum, das Sitzen regelmäßig zu unterbrechen. Ein paar bewährte Auslöser:
- Der Drucker-Trick. Alles, was einen legitimen Grund zum Aufstehen liefert, ist ein Verbündeter: der Drucker im Nebenraum, der Wasserhahn in der Küche, der Kollege am anderen Ende des Flurs, der auch eine Nachricht bekommen hätte.
- Telefon heißt aufstehen. Wer bei jedem Anruf aufsteht, hat je nach Job das Bewegungsprogramm des Tages nebenbei erledigt.
- Die Stundenkante. Zu jeder vollen Stunde einmal aufstehen, bis zum Fenster, zurück. Dreißig Sekunden. Der Kalender merkt es nicht einmal.
Das ist alles unspektakulär, und genau deshalb funktioniert es. „Sitzen ist das neue Rauchen" braucht kein Mensch — „Aufstehen ist das neue Aufstehen" reicht völlig. Zugegeben, als Vortragstitel taugt es nichts.
Dieser Artikel gibt allgemeine Anregungen und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Rücken- oder Kreislaufbeschwerden gehört die Einschätzung in ärztliche Hände.
Die Treppe nimmt es nicht persönlich